In gut einer Stunde ist Schichtwechsel im W. I. Lenin Atomkraftwerk in Pripyat bei Tschernobyl. Allerdings vor 22 Jahren. Reaktor 4, ein Gigawatt-Koloss des sowjetischen Typs RBMK-1000, arbeitet unauffällig und es scheint wie immer eine ruhige Nacht zu werden.
Wären da nicht zwei Dinge aneinander geraten, die sich lieber in Ruhe gelassen hätten. Das wären der stellvertretende Chefingenieur Anatolij Stepanowitsch Djatlow und der Reaktor selbst. Ein sehr anschaulicher wie auch erschreckender Dokumentarfilm über die Geschehnisse in dieser Nacht soll zeigen, wie es zum Super-GAU kommen konnte. (kleiner Fehler im Film: es war der zweitgrößte atomare Unfall nach der Majak 1957, der aber ganz gut verschwiegen werden konnte)
http://video.google.de/videoplay?docid= ... 9964120314
Die Städte Pripyat und Tschernobyl sowie weitere kleine Ortschaften sind heute Geisterstädte und unbewohnbar, obwohl man - dank Dekontamination - in den Hauptstraßen auch ohne weitere Schutzbekleidung ein paar Stunden verbringen kann. Wer also mal eine Zeitreise ins Jahr 1986 unternehmen will, kann sich dort durchaus mit Genehmigung hinbegeben. In der Schule hängt noch ein Plakat von der roten Armee an der Wand und Bücher über Lenin liegen auf der Straße. Der Vergnügungspark sollte am 1. Mai 1986 eröffnen. Das Riesenrad hat sich nicht einmal gedreht. Genau so erstaunlich ist die Tatsache, dass man im Reaktor selbst nur Baumwolle und ein Stück Plastetüte trägt - das ist alles, was die Arbeiter, Reporter und Touristen vor Beta- und Gammastrahlen schützen soll. Der Aufenthalt im Reaktor selbst ist auf wenige Minuten begrenzt.
Was ist nun aus den Bewohnern geworden? Nun es gibt immer noch 3.000 Leute, die rund um das Kraftwerk beschäftigt sind und das obwohl keiner der Reaktoren mehr in Betrieb ist. Schmeißt man google earth an und erkundet mal die Karte, so findet man auch einen Bahnhof am Kraftwerk. Die Gleise führen am anderen Ende zur 1986 erbauten Stadt Slawutytsch, die Ersatzstadt für Pripyat. Hier wohnen auch heute noch Überlebende, Hinterbliebene und eben auch die Menschen, die immer noch zum Atomkraftwerk fahren.
Viele der Menschen, die den Unfall überlebt haben, hätten sich gewünscht dies nicht zu tun. Und wer es vielleicht nicht am eigenen Körper zu spüren bekam, dann vielleicht bei den Kindern. Missbildungen und Fehlgeburten waren die Folge. Werdende Mütter wurden zur Abtreibung gezwungen und viele Ehemänner versteckten ihre Frauen daher. Viele Kinder, die schon da waren, starben an Leukämie. Und so erschreckend das ist, aber auch jetzt, 22 Jahre danach, kommt man immer noch nicht um dieses Zitat herum: "Viele der Opfer sind noch nicht geboren."
In Slawutytsch leben heute nur noch 24.000 Einwohner. Das entspricht so ziemlich genau der Hälfte vom lebendigen Volk der 1970 erbauten Vorzeigestadt Pripyat. Trotz Evakuierung kehrten einige Bewohner nach Jahren in ihre (durch Plünderer verwüsteten) Plattensiedlung nach Pripyat zurück. Ob sie mit dieser Entscheidung glücklich waren, sei dahin gestellt. Man schätzt die Einwohnerzahl von Pripyat heutzutage auf etwa 100 Seelen, davon viele Forscher.
Je mehr man sich mit dem Thema auseinander setzt, umso mehr verinnerlicht sich, was an jenem 26. April zu früher Stunde passiert ist. Und man merkt auch, wie aktuell das Thema noch ist, auch wenn nicht mehr viele Worte darüber verloren werden.
Dieser Thread soll lediglich zum nachdenken anregen und ist den Opfern dieser Katastrophe gewidmet. Ich möchte nicht, dass hier ein Pro / Kontra Atomkraft Thema draus wird. Vielleicht legt der ein oder andere auch mal eine Schweigeminute ein. Immer daran denken, auch wir könnten Opfer sein, wer weiß das schon.
R.I.P. ???????
R.I.P. ?????????